Alpenüberquerung mit dem Gravelbike

by Sara Hallbauer

Eine Alpenüberquerung steht bei vielen auf der to-do Liste, etwas was man mindestens einmal im Leben gemacht haben sollte. Von meiner Wahlheimat Wackersberg bei Bad Tölz sind es bis zum Gardasee nur ein paar Hundert Kilometer. Entsprechend bin ich auch schon ein paar Mal mit dem Radl über die Alpen gedüst, bisher immer mit dem Rennrad (Hier geht es zum Beitrag München-Gardasee in einem Tag).

Die Alpenüberquerung mit dem Gravelbike fehlt noch auf meiner Liste der Radl-Highlights.

Es wird Zeit, das endlich einmal nachzuholen. Axel und ich wollen in vier Etappen um die 100 km gemütlich an den Lago fahren und zwar so, dass genug Zeit bleibt, um Fotos zu machen und den ein oder anderen Cappuccino zu genießen. 

Die Key Facts zur Strecke

Herausforderung bei der Planung

Bei der Routenplanung wird uns klar, dass eine Gravelroute über die Alpen an den Gardasee gar nicht so einfach zu planen ist: Viele klassische Routen sind entweder mit technischen Trails für das Mountainbike ausgestattet oder führen auf größeren Strassen entlang und sind somit für das Rennrad geeignet. Wir jedoch planen unsere  Route für das Gravelbike auf kleineren, asphaltieren Strassen und gut fahrbaren Schotterwegen, damit sie wirklich für jeden machbar ist.

So kommen einige Höhenmeter zusammen

Die Route ist deshalb sicherlich NICHT der schnellste und NICHT der einfachste Weg an den Gardasee. Der Vorteil aber ist, dass sich die Höhenmeter prima auf die einzelnen Etappen aufteilen und wir einen guten Kompromiss von schönen Schotterstrassen und kleinen Asphaltstraßen finden, der die großen Bundesstraßen in den Tälern vermeidet.  

Distanz: 376 km

Anstieg: 6.770 hm

Höchster Punkt der Tour: Timmelsjoch (2.500 m)

Dauer: 4 Tage

Die Route

Die Route führt von Bad Tölz durch das Ötzal über das Timmelsjoch nach Meran und von dort aus über Moveno und Arco an den Gardasee. 

 Es warten vier Anstiege auf uns: 

  • Der einfache Buchener Sattel, den wir von Leutasch aus erklimmen
  • Das gigantische Timmelsjoch, das wir von der Nordseite hochfahren  
  • Der Gampenpass, der bis Longnui auf Schotter befahrbar ist 
  • Der steile Selva Piana Anstieg auf das Hochplateau im Naturpark Adamello Brenta  

Die Etappen

Die Key Facts zum Fahrrad

Welche Übersetzung braucht man für eine Alpenüberquerung mit dem Gravelbike?

Die Anstiege, die wir auf dieser Route fahren, sind zum Teil sehr “stichig”. Insbesondere der Anstieg zum Gampenpass auf Schotter, die Wege durch die Apfelplantagen hinter Meran und die Selva Piana Anstiege. Ich bin die Tour mit meinem Specialized Diverge gefahren und hätte mir an manchen Stellen doch eher mein Salsa Cutthroat mit meiner Übersetzung von 32t vorne und 9-46t hinten gewünscht. 

Mehr zum Thema Übersetzung könnt Ihr in meinem Beitrag “Let’s go Mullet – die perfekte Gravelbike Übersetzung” nachlesen. 

Welche Reifen braucht man für eine Alpenüberquerung mit dem Gravelbike?

Die in dieser Tour beschriebenen Wege beinhalten keine großen technischen Passagen. Axel fährt mit 46 mm breiten Reifen und ich bin mit 38 mm breiten Reifen – beide mit mittlerem Stollenprofil. Wir sind mit dieser Wahl sehr zufrieden. 

Alpenüberquerung mit dem Gravelbike - Unser Erfahrungsbericht

Alpenüberquerung mit dem Gravelbike Etappe 1: Bad Tölz nach Sautens

Es geht los – Axel und ich starten am ersten Tag unseres Alpencross um 10 Uhr in Tölz. Es geht auf dem uns gut bekannten Schotterweg nach Lenggries und von da aus sind wir auch bald am Sylvensteinspeicher

In Vorderriss biegen wir auf die Mautstrasse nach Wallgau ab (Für Radler umsonst). Die wenigsten Leute wissen, dass auch eine schöne Gravelroute bis nach Wallgau führt. Dazu muss man nur nach dem Mauthäuschen über die erste Brücke auf der linken Seite und die türkisblaue Isar überqueren. Die folgende Gravelroute ist eine der schönsten Strecken im ganzen Karwendel. Sie führt direkt an der Auhütte vorbei, die ideal für einen ersten Kaffeestopp geeignet wäre, auch dank des leckeren Kuchens, den es da gibt.  Diesen lassen wir aber aus, wir sind gefühlt eben erst gestartet.

In Wallgau geht es über die Buckelwiesen im Werdenfels weiter nach Mittenwald.

Der Ausblick auf das Karwendel und das Wettersteingebirge ist phänomenal. Ich bin diese Route schon so oft gefahren und jedes Mal aufs Neue vom Anblick der Berge beeindruckt. Man kann auch von Wallgau bis Mittenwald anstelle des geteerten Weges über  die Buckelwiesen,  einer Schotterroute entlang der Isar folgen – das ist so auch im GPX Track oben angegeben. In Mittenwald legen wir eine Pause ein und füllen unsere Flaschen auf. Ganz schön heiß an so einem August-Mittag. 

Weiter geht’s in die Leutasch. 

Wir folgen zunächst der Teerstrasse hoch zum Pass. Als wir auf Höhe des Gasthofs Mühle links auf einen Schotterweg, den Achweg, abbiegen, freu ich mich riesig – denn diesen Weg kenne ich wiederum noch nicht. Es geht auf Schotter entlang der Leutascher Ache durch Oberleutasch bis nach Weidach. Hier bleibt auch Zeit, um die Füße ins Wasser zu stecken und kurz zu genießen. Eine willkommene Abkühlung.

Von der Leutasch kommen wir über den Buchener Sattel ins Inntal.

Axel und ich flitzen den Telfser Berg hinunter. Die Abfahrt ist gewaltig, da muss man schon aufpassen, dass man nicht zu schnell wird. Unten angekommen ist es gleich nochmal ein paar Grad wärmer als oben am Berg. Ab Haiming geht es weiter auf dem Ötztaler Radweg, von da aus ist es nicht mehr weit bis zu unserer Unterkunft in Sautens. 

Axel und ich übernachten im Boutiquehotel Michl, klein aber fein und vor allem sehr schön eingerichtet. Von unserem Balkon genießen wir den Ausblick auf die Ötztaler Berge und lassen uns das Gösser Radler schmecken. 

Alpenüberquerung mit dem Gravelbike Etappe 2: Sautens nach Meran

Geniales Frühstück mit super viel frischem Obst, einer riesigen Brotauswahl und allem, was das  Sportlerherz begehrt – lecker starten wir in unseren Tag. Die Kalorien brauchen wir auch, denn heute wartet die Königsetappe auf uns: Es geht hoch hinaus – aufs Timmelsjoch. Von Sautens bis auf den Gipfel sind es 64 Kilometer und 2.000 Höhenmeter. Das wird ganz schön anstrengend. 

Auf dem Ötztaler Radweg geht es weiter. Wir finden es super, nicht mit dem Rennrad auf der vielbefahrenen Ötztaler Bundesstraße unterwegs sein zu müssen. Der Radweg führt über kleine Strassen, abwechselnd auf Teer und Schotter, zumeist entlang der Ache nach Sölden. 

Das Ötztal ist ein Multisport Gebiet – der Radweg führt an einigen coolen Kletterwänden vorbei und die Kanuten haben ihren Spass im Wasser. 

Die Regenmacherin ist unterwegs.

Kurz vor Sölden fängt der Niesel an, der schließlich in Regen umschlägt. Axel und ich sind Gott sei Dank nicht überrascht. Wir wussten schon beim Blick in unsere Wetter-Apps, dass das schlechte Wetter kommen wird. Meine Radlkollegen nennen mich mittlerweile schon “Die Regenmacherin”. Ich komme diese Saison einfach nicht drum rum bei jeder meiner Touren im Regen zu fahren. Entsprechend brauch ich mir auch nicht mehr zu beweisen, dass ich das kann.

Ich nehm den Bus – keine Lust auf Regen

Zum ersten Mal in meinem Radl Leben mach ich es mir einfach: Axel und ich nehmen den Bus von Sölden nach Obergurgl und kürzen so den Anstieg zum Timmelsjoch um 13 Kilometer ab. Fühlt sich nach “cheaten” an. Aber egal, das hier ist Urlaub! 

Toll, dass es hier im Bikeparadies Ötztal eine Infrastruktur gibt, bei der die Busse mit Radl-Anhängern ausgestattet sind. Für alle, die also Angst vor dem langen Anstieg zum Timmelsjoch haben oder die wie ich einfach keine Lust haben, im Regen hinauf zu fahren, ist dies eine schöne Backup Alternative.

Hoch hinaus auf Timmelsjoch

Von Obergurgl, dem letzten Dorf im Ötztal, zum höchsten Punkt der Tour sind es immerhin noch 12 Kilometer und 730 Höhenmeter. Wir schwingen uns wieder auf die Räder. Das Timmelsjoch, auf italienisch auch Passo Rombo, liegt auf 2.500 Metern. Wir kommen an der Mautstelle Hochgurgl vorbei. Ab hier geht es zunächst wieder ordentlich bergab und danach folgt der zweite Teil des Anstiegs bis zur Grenze. Außer uns ist fast keiner mehr bei diesem Wetter unterwegs. 

Kehre um Kehre geht es weiter nach oben. 

Es ist neblig, ungemütlich und kalt, aber auch sehr eindrücklich. Axel und ich sind mit unseren Goretex Regenjacken, Regenhosen, Überschuhen, Mütze und langen Handschuhen sehr gut ausgestattet. 

Als wir am Gipfel ankommen finden wir vor lauter Nebel fast die Raststation nicht. Wir machen eine Pause, trocknen unsere Sachen und lassen uns die Nudelsuppe mit Würstl schmecken. 

Für die Abfahrt packen wir uns dick ein und schwingen uns hinunter bis nach St.Leonhard im Passeiertal. Von hier aus ballern wir auf dem bestens gepflegten Schotterradweg entlang des Passer flussabwärts bis nach Saltaus, kurz vor Meran.

Alpenüberquerung mit dem Gravelbike Etappe 3: Von Saltaus nach Tienno

Am nächsten Tag steht der Gampenpass bevor, der die ersten Kilometer bis nach Longnui auf Schotter-Stein-Wegen fahrbar ist. Hier sind sehr steile Abschnitte dabei. Mit Gepäck am Rad auch richtig anstrengend, so dass Ihr evtl. schieben müsst. Falls Ihr den Anstieg auf Schotter umgehen wollt, könnt Ihr natürlich auch von Anfang an auf der normalen Straße fahren. Die Anstiege sind hier wie bei fast allen Pässen in Südtirol geschmeidig.

Oben angekommen machen wir eine Pause im Restaurant am Pass und lassen uns die erste richtige Pasta schmecken. Anstatt die klassische Abfahrtsroute über die Teerstrasse zu wählen, geht unser Track  durch das kleine Dörfchen “Unsere liebe Frau im Walde” (was für ein genialer Name!). 

Im Flow auf der Rankipino

Wir kommen anschließend auf die sogenannte Rankipino, eine Mountainbike- und Wanderroute, die durch das Gebiet der Magdalener Berge vom Gampenpass bis nach Località Mostizzolo im Süden führt. Was für ein Spass! Die Route ist im besten Zustand, führt über Schotterstrassen und weist keine technischen Schwierigkeiten auf. Einmal muss ich schieben, weil mir die Abfahrt über Stufen zu heikel ist. Aber ansonsten gilt: Volle Abfahrt voraus! Sehr zu  empfehlen, vor allem in der Talabwärts-Richtung wie wir es gefahren sind. 

Wir biegen von der Rankipinio nach Revo ab (Achtung, Abzweigung nicht verpassen!) und kommen über einen kurzen Kaffeestopp mit herrlichem Blick über den Santa Giustina-See in Tuenno an.

Alpenüberquerung mit dem Gravelbike Etappe 4: Tuenno nach Riva

Von Tuenno führt unser Track über Apfelplantagen mit tollen Ausblicken in das Nonstal nach Spormaggiore. Spormaggiore ist der Ausgangspunkt für unseren Anstieg in die Bergwelt der Brenta-Dolomiten. Auf dem Selva Piana Weg geht es nach oben. Die Anstiege sind hier zum Teil so steil, dass sie betoniert sind und es keine Schande ist abzusteigen und ein Stück zu schieben. Ihr werdet ein bisschen fluchen, das ist sicher. 

Die Mühe lohnt sich aber, denn einmal auf dem Hochplateau angekommen geht es auf schönen Waldwegen entspannt weiter, bis schließlich die Abfahrt nach Molveno wartet. Die Enduro-Fahrer dieser Welt wundern sich sicherlich, dass die Gravel-Bikepacker jetzt auch auf ihren Trails entlang düsen. Der Weg hier ist steil aber sehr einfach, ohne technische Schwierigkeiten und deshalb sehr gut mit dem Gravelbike fahrbar. Vor allem der Blick auf den Molveno See ist großartig.

In Molveno angekommen, machen wir die erste Pause des Tages und stärken uns für die letzten verbleibenden Kilometer. Auf dem Schotterweg am Molvenosee entlang geht es weiter. Achtung – hier ist vor allem am Wochenende sehr viel los und Fußgänger teilen sich mit den Radlern die Wege.

Schliesslich kommen wir ab dem Fiume Sarche Fluss auf einen bestens ausgebauten Radweg. Dieser bringt einen zuerst in einer rasanten Abfahrt durch Schluchten Richtung Sarche.  Der Weg führt leicht abschüssig  nach Riva, wo unsere Alpenüberquerung mit dem Gravelbike mit einem Sprung in voller Radlmontur in das kalte Nass des Gardasees endet.

Fazit - Alpenüberquerung mit dem Gravelbike

Axel und ich hatten auf unserer Tour sehr viel Spass, tolle Landschaften und tolle Trails. Nach unserem Ermessen ist die Route ein guter Kompromiss zwischen großen Straßen und technischen Trails. Für manche Gravelbiker ist mit einem Anteil von 2/3 vielleicht zu viel Asphalt dabei. So können wir aber sicher stellen, dass die Route auch für technisch weniger versierte Fahrer gut machbar ist. Die Anstiege sind zum Teil ganz schön zapfig. Das sollte sicherlich nicht unterschätzt werden. Vor allem mit dem Gepäck am Rad wird das schnell sehr anstrengend. Wichtig ist hier vor allem, auf eine gute Übersetzung zu achten und die Länge der Etappen auf das individuelle Fitness-level anzupassen. 

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4 comments

Gabi 18. September 2022 - 22:01

Mal ein Kompliment für deinen Blog!! Die Tour klingt spannend … GlG Gabi

Reply
Sara Hallbauer 19. September 2022 - 7:43

hi Gabi,
danke Dir! Das Kompliment kann ich ja nur zurück geben 🙂
Die Tour war wirklich toll!
Lieben Gruß

Sara

Reply
Dietmar 29. August 2022 - 13:13

Eine Alpenüberquerung steht bei mir auch noch auf der Liste … und natürlich am liebsten mit dem Gravelbike. Die Route werde ich mir auf jeden Fall abspeichern. Danke für die Tipps und auch die tollen Fotos!
Was meinst Du, ab bzw. bis wann die Route gut zu fahren ist? Oder sollte man auf jeden Fall versuchen sie im Sommer anzugehen?

Viele Grüße aus dem Taunus in den Süden
Dietmar

Reply
Sara Hallbauer 29. August 2022 - 14:11

Hallo Dietmar,
freut mich wenn Dir der Beitrag gefällt. Wäre cool, wenn Du mir auch Dein Feedback schreibst, wenn Du die Route gefahren bist. Die Fahrbarkeit hängt vor allem von den Timmelsjoch Öffnungszeiten ab, die Du hier abrufen kannst: https://www.timmelsjoch.com/de/timmelsjoch-hochalpenstrasse/ NOrmalerweise ist das dann Ende Mai bis Oktober. Und wenn Du sie spät im Jahr fährst dann unbedingt warme Klamotten für die Abfahrt und Regensachen mitnehmen.
Lieben Gruß
Sara

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