GranGuanche – Bikepacking auf den Kanaren

by Sara Hallbauer

„Inselhopping auf den Kanaren mit dem Rad im Januar? Was für eine geniale Idee ist das denn bitte!“ Ich bin begeistert und melde mich spontan zum GranGuanche an. Ein Roadtrip, der es mit 600 km und 14.000 Höhenmetern ganz schön in sich hat

Doch wer jetzt an wärmende Sonnenstrahlen, Trikot-Bib kurz-kurz und Radlspaß am Strand denkt, hat sich gewaltig geirrt. Lest hier die Story über meinen Kampf am Teide, Spaniens höchsten Berg, und meine Begegnung mit der Dunkelheit, dem Regen und dem Wind.

Die GranGuanche Audax Events sind eine Ultracycling Rennserie auf den Kanaren, von der es jeweils eine Ausgabe auf Asphalt, Gravel und Trail-Routen gibt. Die Rennserie ist nach den Guanchen benannt – dem Volk, das die Kanarischen Inseln vor der europäischen Kolonisierung bewohnte.

Distanz: 600 km

Anstieg: 14.000 hm

Höchster Punkt: Teide (2.400 m)

Dauer: 73 Stunden

Die Route - Inselhopping mit dem Rad

Ich nehme im Januar 2022 an der Road Ausgabe teil. Die Strecke des Ultracycling Events führt über eine vom Veranstalter vorgegebene Route über die fünf kanarischen Inseln: 

  • Lanzarote (104 km, 1.520 hm)

  • Fuerteventura (136 km, 2.030 hm)

  • Gran Canaria (118 km, 3.160 hm)

  • Teneriffa (144 km, 3.760 hm) und

  •  La Gomera (98,4 km, 2.960 hm)

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von www.komoot.de zu laden.

Inhalt laden

Mit 600 Kilometern ist dieses Event eher ein Ultracycling-Sprint als ein Langstrecken-Event. Beim GranGuanche Audax Road geht es mit 14.000 hm vor allem höhenmeter-technisch ordentlich zur Sache. Spannend wird das ganze Unterfangen aufgrund der Fährverbindungen zwischen den einzelnen Inseln: Welche Fähre schaffe ich? Erreiche ich noch die letzte Fähre auf die nächste Insel oder muss ich eine Zwangspause einlegen, obwohl noch Körner übrig sind? Renntaktisch bringt das erst die richtige Würze in das gesamte Spiel.

An- und Abreise

Mit dem Flugzeug nach Arrecife, der Haupstadt Lanzarotes, und von Teneriffa wieder zurück. Der Veranstalter sorgt für den Gepäcktransport des Radkoffers, der am Vortag des Events beim Briefing abgegeben werden kann.

Audax oder Race?

Beim GranGuanche Audax Road ist es allen Teilnehmern erlaubt, im Windschatten zu fahren und unterwegs spontan Grüppchen zu bilden, was im Gegensatz zu vielen anderen Ultracycling Events eher ungewöhnlich ist. Im Vergleich zu einem regulären Audax versteht sich der GranGuanche Audax hingegen schon als Rennen. Bei einem Audax handelt es sich nämlich eigentlich um keine kompetitive Veranstaltung, es gibt keine Rangliste, sondern nur ein „Bestehen“ der Aufgabe. 

Jeder Teilnehmer bekommt einen Tracker. Über followmychallenge.com können Beobachter die Position des jeweiligen Fahrers einsehen. Hier werden auch die Ranglisten, auf welcher Position der jeweilige Fahrer gerade steht, veröffentlicht.

Mein persönlicher Ansatz

Nach meiner Teilnahme beim Northcape 4.000 im August 2021 war ich erstmal platt. Und das nicht einmal so sehr von einer physischen Seite her, sondern eher mental: Denn welches Bikepacking Event soll als nächstes kommen, wenn man gerade eines der längsten innerhalb Europas erfolgreich absolviert hat? Ich verbrachte also den Herbst und Winter eher mit Hochtouren und Skitouren anstatt auf dem Rad. Und als ich mich Ende Dezember endlich wieder auf meine Rolle begab, zeigte mir ein abgebrochener FTP Test erstmal ziemlich deutlich, dass ich noch nicht wieder bereit dazu war, mich zu quälen. Da kam mir das GranGuanche Audax Road vom Timing her gerade recht. 

Meine vier Ziele für den GranGuanche Audax Road

  • Die kanarischen Inseln kennenlernen

  • Endlich mal wieder aus den Puschen kommen: Ich wollte herausfinden, was nach einer so langen Trainingspause geht und ob ich überhaupt Lust hatte, mich wieder anzustrengen.

  • Die Fahrt durch die Nacht: Das Event in drei Tagen zu finishen sollte möglich sein. Das wiederum würde bedeuten, dass ich eine der Inseln per Nacht durchfahren würde. Ich hatte ein neues Lampen-Setup, das ich in einem Event testen wollte. 

  • Ohne Pause fahren
     Keine unnötigen Boxenstops einbauen – der Aufenthalt am Hafen beim Warten auf die nächste Fähre und der Aufenthalt auf der Fähre sollten genug Pause bieten.

Mmmh. Ob ich mir da zuviel vorgenommen hatte? „Schauen wir mal, dann sehen wir schon“ – war das Motto meiner Reise auf die Kanaren.

GranGuanche - Mein Erfahrungsbericht

Lanzarote - auf geht’s in ein neues Abenteuer

Blackout auf ganz Lanzarote

Na das geht ja gut los hier! Am Morgen des 21. Januars 2022 bleibt es erstmal duster als ich um 3 Uhr morgens auf den Lichtschalter drücke. Blackout in Lanzarote, kein Strom, kein Internet, und das zwei Stunden vor Start des Events! Ich muss also auf meinen morgendlichen Kaffee verzichten und krame im Schatten meiner Stirnlampe meine sieben Sachen zusammen. Noch schnell die Overnight Oats verdrückt und auf geht’s zum Start.

Granguanche-Blackout-Lanzarote
Blackout - Mein Rad im Licht meiner Stirnlampe

Der Start in der Dunkelheit

Es sind nur ein Handvoll Leute, die bei der ersten Ausgabe des Gran Guanche Audax dabei sind.  Umso lustiger, dass ich André und Ionut wieder treffe. Die beiden sind mir schon beim Northcape 4.000 begegnet. Die Szene ist klein und wir freu’n uns über das Wiedersehen. Um 5 Uhr in der Früh fällt der Startschuss und das kleine Feld macht sich in der Dunkelheit auf, die kanarischen Inseln per Rad zu erobern.

Granguanche

Fahrt durch das Vulkanfeld

Hui, die Top-Gruppe rund um Ulrich Bartholmoes legt ein wahnsinniges Tempo vor, ich selber ordne mich in der vorderen Mitte des Feldes ein. Es geht sofort bergauf, wir fahren durch das Famara Massiv im Norden der Insel. Nach anderthalb Stunden ist der höchste Punkt der Insel erreicht. Es ist nebelig und die Sicht sehr eingeschränkt, es liegen feuchte Tropfen in der Luft und ich weiß nicht, ob die Tropfen an meinem Helm vom Schwitzen oder von der Feuchtigkeit herrühren. Langsam dämmert es und mit der aufgehenden Sonne erreiche ich das wunderschöne Vulkanfeld, für das Lanzarote so bekannt ist: Den Nationalpark Timanfaya, eine Straße durch ein riesiges, karges Lavafeld. Meine Beine fühlen sich gut an, es läuft und ich freu mich, dass ich die erste Fähre um 10 Uhr nach Fuerteventura locker erreichen werde. 

Zu früh gefreut – Straßensperrung kurz vor dem Hafen

Im Kreisverkehr kurz nach Yaiza biege ich Richtung Küste ab, es sind noch 20 km bergab bis ans Ziel. Doch an der Küstenstraße unten angekommen gelange ich an eine Straßensperrung: Eine freundliche Dame mit Stopp Schild in der Hand lässt sich nicht davon überzeugen, mich und noch zwei andere Fahrer durchzulassen. Echt jetzt? Was ist denn hier los? Ich hab mein Handy im Flugmodus und die Nachricht des Veranstalters, die Bundesstraße statt der Küstenstraße zu nehmen, verpasst. Wie ärgerlich! Ich drehe also um, klettere 200 hm wieder nach oben und warne auf dem Weg noch zwei andere Mitstreiter. Ich gebe mein Bestes, um pünktlich den Hafen in Playa Blanca zu erreichen. Als ich um 9:35 völligst außer Atem am Ticketschalter stehe, trifft mich die Nachricht, dass die Fähre ausgebucht und keine Stellplätze für das Rad mehr übrig seien, sehr. Mit einem weißen, wehenden Schneuztuch in der Hand (*Scherz*) stehe ich also am Kai und winke der vorderen Truppe auf der 10 Uhr Fähre hinterher.

Mein Tipp: Fährtickets unbedingt vorab online kaufen 🤓

Fuerteventura - Ein Wettrennen gegen die Zeit

Es ist noch nichts verloren – oder doch?

Die letzte Fähre von Fuerteventura nach Gran Canaria fährt um 18 Uhr. Als ich schließlich zusammen mit André und Therese um 11:45 in Corralejo von Bord der Fähre gehe, wollen wir es zumindest versuchen. Es sind 136 Kilometer und 2.030 Höhenmeter in 6 Stunden zu meistern. Sportlich aber machbar. Es geht in der prallen Mittagshitze zunächst an der Küste, an weißen Sandstränden und Dünen, entlang, bevor wir nach 25 Kilometern ins Landesinnere abbiegen. 

Fuerteventura ist karg, staubig und trocken – grün gibt es hier nicht. 

Es geht zackig durch das Bergland von Betancuria. Trotz den Höhenmetern in den Beinen läuft es gut, die Pause auf der Fähre und das Essen dort bilden eine gute Grundlage für die zweite Anstrengung des Tages. Auf dem Weg durchs Gebirge verlieren André und ich Therese. André selber entscheidet sich in Costa Calma, 26 Kilometer vor dem Hafen in Morro Jable, für einen Pistenstop – er muss seine Flaschen auffüllen. Ich fahre weiter – der Track führt über die Autobahn (voll krass) und ein paar Seitenstraßen weiter. Die Uhr tickt, noch ist nicht aller Tage Abend.

Als ich um 17:50 am Fährhafen ankomme hat der Ticketschalter bereits geschlossen. Die 18 Uhr Fähre ist gerade am Auslaufen und die letzte Verbindung nach Gran Canaria für diesen Tag. Zum zweiten Mal steht ich also da und komm nicht weiter. Ich denke mir nur „Knapp daneben ist auch vorbei“ und suche mir gezwungenermaßen eine Unterkunft für den Abend. Manchmal läuft es nicht so wie geplant. Aber: ich hab mein Bestes gegeben und mehr kann ich ja auch nicht tun 🙂 

Gran Canaria - steile Straßen, zerklüftete Canyons und urige Bergdörfer

Es gibt nur eine Richtung – steil nach oben!

Um 6:30 Uhr am nächsten Morgen treffe ich André und Therese am Hafen zur ersten Fähre nach Gran Canaria. Wir kommen um 9 Uhr in Las Palmas an und fahren noch gemeinsam durch die kleinen Straßen der Altstadt. Meine Beine sind nach der Nacht Pause ausgeruht. So kommt es, dass ich bald alleine vor fahre. 

Der schwere Anstieg zum Pico de las Nieves

Nach 30 Kilometern beginnt in Telde der schwere Anstieg zum Pico de las Nieves, es geht von Meereshöhe auf 1.945 m hinauf. Die Ostauffahrt von Telde gilt als wesentlich schwieriger als die Südauffahrten, denn hier warten ultra-steile Abschnitte und sehr unrhythmische Auffahrten auf die Fahrer. Die Auffahrt im Nebel aber lohnt sich allemal – denn der Ausblick auf die Südseite hinab ist atemberaubend. Ich bin total happy, dass ich Gran Canaria bei Tag erleben darf, denn diese zerklüfteten Canyons und die urigen Bergdörfer sind wirklich sehenswert. So sind die 3.000 Höhenmeter auch tatsächlich erträglich und ich hoffe, die 16 Uhr Fähre im Hafen von Agaete, im Westen Cran Canarias, zu erreichen.

Du bist immer genau da, wo Du sein sollst

Doch irgendwie ist der Wurm drin – ich komme um 16:08 Uhr am Hafen an. Wie der Teufel es will, verpasse ich zum dritten Mal in Folge die Fähre. Ich hab mich schon mit meinem Schicksal abgefunden, als ich einen anderen Radler im Bikepacking Style treffe. Prompt quatsche ich ihn an, ob er nicht auch beim GranGuanche mitmacht, er kommt mir bekannt vor. Der Radler verneint, er sei privat im Urlaub unterwegs. Dann schauen wir uns beide verdutzt an und können es nicht glauben: Vor mir steht Paco!!! Wir haben uns beim Northcape 4.000 kennengelernt, als wir beide verzweifelt an einem Bahnübergang in Polen nach dem richtigen Weg gesucht haben. Was für ein Zufall ist das denn bitteschön? Ich verpasse all diese Fähren, um genau in der gleichen Sekunde wie Paco am Ticketschalter in Agaete zu stehen. Jetzt macht das alles einen Sinn – was für ein geniales Timing! Solche Momente müssen gefeiert werden. Paco und ich nutzen die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt der Fähre um 18 Uhr mit einem ordentlichen Essen im nahegelegenen Restaurant. Wir haben uns einiges zu erzählen.

Granguanche
Paco und ich feiern unser Wiedersehen mit einem guten Essen und einer Cola

Teneriffa -  äh Moment mal - wir sind auf den Kanaren und nicht in der Arktis!

Es ist Eisregen vorher gesagt

Wir nehmen die 18 Uhr Fähre nach Teneriffa. Ich bin fit und gut gelaunt als wir um circa 19:30 Uhr von Bord gehen. Sorgen macht mir lediglich die Nachricht, dass Eisregen für Teneriffa vorhergesagt ist. Ein Teilnehmer hat diese Nachricht in der GranGuanche WhatsApp Gruppe gepostet. Die Einwohner würden die Auffahrt zum  Teide, dem höchsten Punkt der gesamten Tour, nicht empfehlen. Ups. Im Gegensatz zu allen anderen Radlern, die mit mir auf der Fähre waren, beschließe ich nicht in der Hafenstadt Santa Cruz zu übernachten, sondern weiter zu fahren. Ich möchte noch vor dem schlechten Wetter so weit wie möglich kommen. Mein Ziel ist das 40 Kilometer und 1.000 Höhenmeter entfernte Laguna. Und wenn das mit meinem 3 Tage Plan noch etwas werden soll, dann muss ich mich eh sputen.

Durch den Monsun, bis kein Regen mehr fällt…

Diese Entscheidung werde ich zwei Stunden später bitterlich bereuen, denn ich stecke ganz schön im Schlamassel. Es regnet in Strömen, es ist bitterkalt und die Anstiege des Anaga Gebirges sind super steil. Auf den Straßen liegen dicke Äste und rutschige Blätter, wahrscheinlich rühren sie von den weltbekannten Lorbeerbäumen, die diesen Abschnitt Teneriffas kennzeichnen. Davon seh ich in der Dunkelheit nur leider nicht viel. Kurz vor dem Gipfel des ersten Anstieges in Teneriffa fällt auch noch mein Wahoo aus. Wasser hat sich unter das Display gemogelt, das Ding muss erstmal trocknen. Den Weg weisen mir ab jetzt nur noch die Straßenschilder und so komme ich Stunden später heil aber völlig durchnässt in meinem kleinen Appartement in Laguna an.

…gegen den Sturm, am Abgrund entlang

Am nächsten Tag geht es für mich um 6 Uhr in der Früh nach vier Stunden Schlaf weiter: es wartet die 50 Kilometer lange Auffahrt zum Teide auf mich. Na das kann ja was werden. Ich ignoriere den Regen und fahre durch die Dunkelheit. Der Anstieg ist  Gott sei Dank nur lange und nicht so steil. Ich fahre im immer gleichen Tritt weiter nach oben. Irgendwann dämmert es und umso höher ich klettere, desto kälter wird es, desto dichter wird der Nebel, desto kräftiger werden die Wind-Böen. Aus Regen wird schließlich Eisregen. Krass, so hab ich mir meinen Urlaub auf den Kanaren nicht vorgestellt.

So macht das leider keinen Spass mehr

Hinzu kommt, dass es hier oben auch nichts gibt, kein Café, kein Unterschlupf, wo ich mich kurz aufwärmen könnte. Ich halte rechts am Rand, um mir meine Daunenjacke anzuziehen. Ich muss einen elenden Eindruck von mir geben: Zwei Autofahrer halten an und fragen mich ob sie mir helfen können. Ich überlege auch ernsthaft einzusteigen, denn Spaß macht das gerade nicht mehr. Mit der Eisbildung auf den Straßen bei 2 Grad und starkem Wind ist es auch in der Tat nicht mehr ungefährlich. Doch leider passt mein Rad nicht in den vollgeladenen Seat Ibiza der freundlichen Teneriffa Touristen, die mich mitleidig anschauen und mich insgeheim für vollkommen bekloppt halten. 

Gott sei Dank, ich bin gut ausgerüstet

Ein weiteres Auto hält neben mir an. Darin sitzt Mario, ebenfalls ein GranGuanche Teilnehmer, der völlig entkräftet und zitternd vor Kälte vom Veranstalter gerettet wird. Ich bespreche mich kurz mit den beiden, beschließe dann aber weiter zu fahren. Hilft ja nichts. Ich bin mit Daunenjacke, Regenjacke, Regenhose und dicken Handschuhen wesentlich besser ausgestattet als Mario, der nichts davon dabei hat (soviel zum Thema Ultralight!).

Oben angekommen werde ich mit Sonnenschein belohnt

Als ich schließlich auf der Hochebene des Vulkankraters ankomme, kommt die Sonne etwas raus und es wird „mollig“ warm bei 7 Grad – hier oben scheint die Welt wieder in Ordnung. Der Teide Nationalpark ist landschaftlich absolut beeindruckend und gerade für Radler ein tolles Höhentraining: ich fahre auf 2.000 Meter Höhe 25 Kilometer durch eine Mondlandschaft aus einer anderen Zeit. Meine Daunenjacke ziehe ich aber nicht mehr aus. Die brauche ich weiterhin, denn es geht von 2.200 Metern 40 Kilometer hinab zum Meeresspiegel, an den Hafen nach los Christianos. Und da, oh Wunder: Ich erreiche zum ersten Mal auf dem gesamten Trip, locker die nächste Fähre um 14 Uhr nach La Gomera, wer hätte das gedacht!

 La Gomera - Auf geht’s zum Endspurt

Kurze Pause zum Aufwärmen

Auf der Fähre ist Gott sei Dank etwas Zeit um mich auszuruhen und zu essen. Mir ist eiskalt, ich bin schockgefroren und ich muss das Erlebnis „Teide“ kurz auf mich wirken lassen. Als ich um 16 Uhr im Hafen von San Sebastian ankomme, fülle ich nochmals meine Vorräte an einer Tankstelle auf. Dann mache ich mich weiter auf den Weg. Auch auf La Gomera windet und regnet es. Leider hab ich auf den letzten Metern weiterhin Pech mit dem Wetter. Es liegen die letzten 98 Kilometer und knapp 3.000 Höhenmeter vor mir – vieles davon in absoluter Dunkelheit. Ich fahre noch 25 Kilometer und 1.000 Höhenmeter weiter. Dann ist Zeit für eine Pause. Mir ist kalt und meine Klamotten sind immer noch nass. So will ich nicht in die Nacht hineinfahren. Ich checke in ein kleines Appartement ein, wo ich mich dusche und erstmal aufwärme – hin- und hergerissen zwischen weiterfahren und ausschlafen.

Die Nacht gehört mir!

Nach 3,5 Stunden Schlaf sitze ich um ein Uhr nachts wieder auf dem Rad. Ich will mein Ziel von 72 Stunden noch nicht aufgeben. Ich fahre also weiter, durch den Garajonay Nationalpark, ein UNESCO Weltkulturerbe. Ich sehe reflektierende Hasenaugen links und rechts des Wegerandes, ein Dach von Lorbeerblättern, das vom Lichtkegel meiner Stirnlampe ausgeleuchtet ist, einen langen Schatten, den mein Rad auf die durchwurzelten Teerstraßen, wirft.

Mir werden die letzten Kilometer nicht einfach gemacht

Doch je näher ich der Westküste komme, desto schwieriger werden die Bedingungen. Dicker, dichter Nebel liegt über der Straße, die kaum noch zu sehen ist. Es geht hoch zum allerletzten Anstieg der Tour, dem Igulaer auf 1.321m Höhe. Oben angekommen, bläst es mich schier vom Rad. Heftige Windböen drücken mich nach rechts, später nach links. Ich kann mich voll gegen den Wind lehnen und muss aufpassen nicht zu fallen, wenn der Wind abrupt nachlässt. Ich nehme einen Fuß aus dem Pedal, um besser ausbalancieren zu können. Ich bin hellwach vor lauter Aufregung, hier darf nichts schief gehen – alleine schon weil weit und breit sonst niemand ist.

Granguanche - La Gomera
Stockdunkle Nacht, Nebel und heftige Windböen

Es ist geschafft – ganz alleine im Ziel

Danach folgt eine 20 Kilometer lange Abfahrt zurück nach San Sebastian. Ganz langsam und vorsichtig, die Finger schmerzen schon vom Zug auf die Bremse, zuckel ich hinab und rolle schließlich um 6 Uhr morgens, 73 Stunden nach dem Start in Lanzarote, ins Ziel. Hier ist niemand, nur mein Fahrrad und ich. Ich mache einen Hafenarbeiter ausfindig, der das Finisher Foto von mir macht. Er wundert sich, wo ich um diese Uhrzeit wohl herkommen mag. Wo ich herkomme? Aus einer Nacht, in der ich wacher war, als an manch anderem Tag.  Aus einer Nacht, die mir das Ticket in eine andere Welt geöffnet hat.

Granguanche

Pünktlich hab ich es an den Hafen geschafft und nehme die erste Fähre um sieben Uhr zurück nach Teneriffa. 

Das war der GranGuanche Audax Road , der so schnell vorbeigegangen ist, dass es mir wie ein Traum vorkommt. Ein Traum, aus dem ich erst langsam aufwache, als ich nach einer Dusche auf Teneriffa in der Sonne beim Frühstück sitze – so als ob nie etwas gewesen wäre und der mir doch ein breites Lächeln ins Gesicht zaubert. 

Mein Fazit - GranGuanche Audax Road

Der GranGuanche Audax Road war unter diesen Wetterbedingungen ein ordentliches Brett,  schwieriger als erwartet und eine wahnsinnig einprägsame Erfahrung. Meine oben genannten Pläne und Zielsetzungen konnte ich fast alle in die Tat umsetzen. Ich hatte Pech mit den Fähren und bin eine Stunde später als beabsichtigt ins Ziel gekommen. Dafür habe ich tolle Leute getroffen und die kanarischen Inseln von ihrer wilden Seite her kennenlernen dürfen. Landschaftlich ein absoluter Traum: schwarze Lavafelder, weiße Sanddünen, schneebedeckten Gipfel, leere Wüsten, verwunschene Regenwälder, üppige tropische Canyons, uralte Lorbeerwälder – die kanarischen Inseln scheinen klimatisch und geographisch wirklich jede Ecke des Planeten zu beherbergen.

Es war ein aufregender, anstrengender aber toller Start in die neue Saison. Ich freu mich auf alles, was da noch kommen mag. Ich bin stärker als ich dachte. Die Frage ist also nicht, ob ich das noch kann, sondern ob ich das noch will. Und die kann ich nun eindeutig mit „ja“ beantworten. Auf geht’s also, zu neuen Abenteuern, getreu dem Motto:

Hör auf zu fragen, ob Du kannst. Frag Dich lieber, ob Du willst!

STOP! Warst Du schon einmal auf den Kanaren? Was war Deine Lieblingsinsel? 👉Bevor Du weiter klickst würde ich mich RIESIG über einen Kommentar von Dir freuen. Danke Dir und mach’s gut! 🤗

📸 Therese Johansson, Andrei Manole, Axel & Sara Hallbauer

You may also like

2 comments

Diana 22. März 2022 - 13:23

Hallo Sara, vielen Dank für deine tollen Berichte und das Teilen deiner Erfahrungen 🙂 ich bin leidenschaftliche Radlerin und so oft wie möglich am liebsten in der Natur und im Allgäu unterwegs…seit Januar nach covid leider mit einer Myocarditis zum Nichtstun verdammt… Lese ich mich gerade durch sämtliche Beiträge und Blogs. Deine Beiträge sind super interessant und spannend geschrieben + deine Leistung…Der Hammer… Absolut Mega! Ich wünsche dir weiterhin so viel Spaß beim radeln und freue mich auf deine Berichte! + lass mich inspirieren, hab ja grad viel Zeit zur Touren Planung 😉

Reply
Sara Hallbauer 29. März 2022 - 12:04

hi Diana,
mega lieben Dank für Dein Feedback, freut mich riesig, wenn Dir der Blog gefällt 🥳🥳🥳
ich wünsch Dir erstmal gute Besserung und hoffe wirklich sehr, dass Du Dich bald erholst und wieder fit zum Radeln bist.
Meine Daumen sind gedrückt. Ganz liebe Gruß
Sara

Reply

Leave a Comment

* By using this form you agree with the storage and handling of your data by this website.